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17. Die "Thunder Child"


17. Die "Thunder Child"

Hätten die Marsleute nur blindlings zerstören wollen, so wäre ihnen am Montag die gesamte Bevölkerung Londons zum Opfer gefallen, wie sie sich langsam über die nächsten Grafschaften hin ausbreitete. Nicht nur durch Barnet, sondern auch durch Edgware und Waltham Abbey, und die ostwärts laufenden Straßen entlang nach Southend und Shoeburyness, und südlich von der Themse nach Deal und Broadstairs ergoß sich derselbe tobende Haufen. Wenn einer an jenem Morgen im Juni in einem Ballon in dem strahlenden Blau über London geschwebt hätte, dann hätte er jede Straße, die aus dem unendlichen Straßenknäuel nach Norden oder Osten führte, von dahinströmenden Flüchtlingen schwarz übersät erblickt, jeder Punkt eine menschliche Agonie von Schrecken und körperlichem Leid. Nie zuvor in der Geschichte der Welt hatte sich eine solche Masse menschlicher Wesen in Bewegung gesetzt, noch nie so gemeinsam dieselben Qualen ertragen. Die sagenhaften Scharen von Goten und Hunnen, die riesigsten Heere, die Asien je erblickt hatte, was wären sie anderes gewesen als Wellen dieses Stromes. Und das war kein disziplinierter Marsch; es war eine wilde Jagd, riesenhaft und schreckensvoll, ohne Ordnung, ohne Ziel, sechs Millionen Menschen, die unbewaffnet und ohne Lebensmittel blindlings weitertrieben. Es war der Anfang vom Ende der Zivilisation, das Massaker des Menschengeschlechtes.

Gerade unter sich hätte der Luftschiffer ein weithingesponnenes Netzwerk von Straßen gesehen, Häuser, Kirchen, Plätze, Gassen, Gärten, die, schon verödet, sich verteilten wie über eine ungeheure Landkarte, die im Süden verwischt und zerstört war.

Es sah aus, als ob eine Riesenfeder über Ealing, Richmond und Wimbledon Tinte über die Karte gespritzt hätte. Stetig und unaufhaltsam wuchs jeder dieser Flecken; er breitete sich aus, sandte Rinnsale hierhin und dorthin, staute sich gegen Erhebungen des Bodens, ergoß sich dann wieder über abschüssiges Erdreich in neuentdeckte Täler, genauso, wie ein Strom von Tinte sich über Löschpapier verteilt. Und drüben, bei den blauen Hügeln, die sich südlich vom Fluß erheben, eilten die glitzernden Marsleute hin und her und legten ruhig und überlegen einmal über diesen, dann über jenen Landstrich ihre Giftwolken, die sie, sobald sie ihren Zweck erfüllt hatten, wieder mit ihren Dampfstrahlen erstickten. So ergriffen sie Besitz von dem besiegten Land.

Ihr Ziel schien jedoch nicht so sehr die Ausrottung als die völlige Unterwerfung und Erstickung jeden Widerstandes. Sie sprengten jede Pulveransammlung in die Luft, schnitten jede Telegrafenlinie ab und zerstörten, wo sie konnten, jede Eisenbahn. Sie durchschnitten die Sehnen der Menschheit. Sie schienen keine besondere Eile zu haben, ihr Arbeitsfeld auszudehnen, und gelangten an diesem Tag nicht über den Mittelpunkt von London hinaus. Es ist möglich, daß eine beträchtliche Anzahl Leute in London am Montag morgen in ihren Häusern blieb. Daß viele am schwarzen Rauch zu Hause erstickten, ist sicher.

Um die Mittagszeit bot die Werft von London ein erstaunliches Schauspiel. Dampfboote und Schiffe aller Art, deren Eigentümer von den Flüchtlingen mit ungeheuren Geldsummen bestochen wurden, lagen in Bereitschaft; viele Menschen, welche an diese Fahrzeuge heranschwammen, sollen mit Bootshaken zurückgestoßen und ertränkt worden sein. Um ein Uhr nachmittags etwa wurde der verblassende Rest einer Wolke schwarzen Qualmes zwischen den Bogen der Blackfriars Bridge gesehen.

Und nun wurde die Werft der Schauplatz einer wahnsinnigen Verwirrung, heißer Kämpfe und Zusammenstöße; eine Zeitlang waren zahllose Boote und Barken im nördlichen Bogen der Tower Bridge eingeklemmt; Seeleute und Löscharbeiter mußten wie Wilde gegen die Menge ankämpfen, die in hellen Haufen vom Ufer her andrängte. Die Leute kletterten tatsächlich die Brückenpfeiler hinab Als eine Stunde später ein Marsianer jenseits des Clock Tower auftauchte und den Fluß hinabwatete, trieben nur Schiffstrümmer an Limehouse vorüber.

Über die Landung des fünften Zylinders werde ich später berichten. Der sechste ging bei Wimbledon nieder. Mein Bruder hielt neben den im Wagen schlafenden Frauen auf einer Wiese Wache und sah seinen grünen Blitz weit drüben jenseits der Hügel. Am Dienstag strebte die kleine Gesellschaft, noch immer entschlossen, über das Meer zu fahren, durch das von Menschen wimmelnde Land nach Colchester vorwärts. Die Nachricht daß die Marsleute nun im Besitz von ganz London seien, wurde bestätigt. Sie waren in Highgate gesehen worden; und wie man erzählte, sogar schon bei Neasdon. Aber sie kamen bis zum nächsten Morgen meinem Bruder nicht zu Gesicht.

Am Dienstag nun überfiel die versprengten Massen die Angst vor dem Hunger. Und sobald sie hungrig wurden, hörten sie auf, das Eigentumsrecht zu beachten. Mit den Waffen in der Hand rückten die Bauern aus, ihre Viehställe, ihre Scheunen, ihre reifenden Feldfrüchte zu verteidigen. Eine Anzahl von Leuten gingen wie mein Bruder nun in östlicher Richtung, und ein paar ganz Verzweifelte gingen sogar nach London zurück, um sich Lebensmittel zu besorgen. Das waren hauptsächlich Leute aus den nördlichen Vororten, deren Kenntnisse über den schwarzen Rauch nur vom Hörensagen stammten. Mein Bruder erfuhr, daß etwa die Hälfte der Mitglieder der Regierung sich in Birmingham versammelt hatte und daß ungeheure Mengen starker Sprengstoffe vorbereitet wurden, um für automatische Minen in den Midland Grafschaften verwendet zu werden.

Zur gleichen Zeit hörte mein Bruder, daß die Midland Railway Company die im ersten Schrecken aufgegebene Strecke wieder dem Verkehr übergeben hatte und von St. Albans Züge nach Norden abgehen ließ, um in den beängstigend überfüllten Nachbargrafschaften Londons etwas Luft zu schaffen. Ferner wurde in Chipping Ongar bekanntgegeben, daß in den Nordstädten große Mehlvorräte zur Verfügung stünden und daß binnen 24 Stunden unter der hungernden Bevölkerung der Nachbarschaft Brot verteilt werden würde. Diese Nachricht aber hielt meinen Bruder nicht von der Ausführung seines Fluchtplanes ab, und die drei Leute flohen den ganzen Tag lang unaufhaltsam in östlicher Richtung vorwärts und erlebten von jener Brotverteilung nicht mehr als eben ihre Verheißung. Tatsache ist, daß auch niemand sonst mehr davon erlebte. In dieser Nacht ging die siebte "Sternschnuppe" nieder und fiel auf den Primrose Hill. Sie ging nieder, während Miss Elphinstone Wache hielt; denn sie unterzog sich abwechselnd mit meinem Bruder dieser Pflicht. Auch sie sah den Stern.

Am Mittwoch erreichten die drei Flüchtlinge, welche die Nacht auf einem Felde mit unreifem Weizen verbracht hatten, Chelmsford; hier beschlagnahmte eine Gruppe von Bewohnern, die sich "Öffentlicher Unterstützungsausschuß" nannte, das Pony als Nahrungsmittel und wollte nichts als Entgelt dafür geben als das Versprechen, die Besitzer am nächsten Tag an seiner Verzehrung teilnehmen zu lassen. Hier waren Gerüchte im Umlauf, daß die Marsleute in Epping seien; auch erfuhr man, daß die Pulvermühlen von Waltham Abbey während des fruchtlosen Versuches, einen der Eindringlinge in die Luft zu sprengen, zerstört worden seien.

Die Leute spähten hier von den Kirchtürmen nach den Marsianern aus. Mein Bruder zog es vor - wie es sich später herausstellte, zu seinem Glück - sofort nach der Küste aufzubrechen, statt auf Nahrung zu warten, obwohl sie alle drei sehr hungrig waren. Um die Mittagsstunde kamen sie durch Tillingham, das seltsam genug ganz still und verödet schien, bis auf einige diebische Plünderer, die nach Lebensmitteln suchten. In der Nähe von Tillingham erblickten sie plötzlich das Meer und zugleich die erstaunlichste Ansammlung von Fahrzeugen aller Art, die man sich nur vorstellen konnte.

Denn nachdem die Schiffer nicht mehr die Themse hinauffahren konnten, begaben sie sich an die Küste von Essex, nach Harwich, Walton, Clacton und später nach Forness und Shoebury, um Leute aufzunehmen. Die Schiffe waren in einer ungeheuren, sichelförmigen Linie aufgestellt, die sich gegen das Vorgebirge, die Nase, im Nebel verlor. Dicht am Ufer hatten eine Menge Fischerboote Anker geworfen, englische, schottische, französische, holländische und schwedische; dann sah man kleine Dampfboote von der Themse, Yachten und elektrische Boote; darüber hinaus sah man Schiffe größerer Art, eine große Menge schmutziger Kohlenschiffe, gepflegte Handelsschiffe, Viehtransporter, Passagierdampfer, Petroleumtanker, Ozeanbummler, selbst einen alten weißen Transportsegler, zierliche weiße und graue Linienschiffe von Southampton und Hamburg; und die ganze blaue Küste am Blackwater entlang konnte mein Bruder dichte Schwärme von Booten wahrnehmen, von. denen aus mit den Leuten auf dem Ufer gefeilscht wurde. Diese Bootmassen erstreckten sich auch das Blackwater hinauf beinahe bis nach Maldon.

Ungefähr zwei Meilen draußen lag ein Panzerschiff so tief im Wasser, daß es den Augen meines Bruders fast wie ein halbversenktes Schiff schien. Das war das Rammboot "Thunder Child". Es war das einzige Kriegsschiff in Sicht; aber in weiter Ferne lag auf dem glatten Spiegel der See - an jenem Tage herrschte Totenstille - eine Schlange schwarzen Rauches, welche die nächsten Panzerschiffe der Kanalflotte anzeigte, die in einer weit gezogenen Linie auf- und abkreuzten; sie fuhren während des Einfalles der Marsleute mit vollem Dampf und klar zum Gefecht längs der Themsemündung, kampfbereit und doch machtlos.

Beim Anblick des Meeres wurde Mrs. Elphinstone trotz guter Zureden von heillosem Schrecken überwältigt. Sie war noch nie aus England hinausgekommen und erklärte, lieber sterben zu wollen, als sich ohne Freunde einem fremden Land anzuvertrauen, und so fort. Die Armite schien sich die Franzosen und die Marsleute sehr ähnlich vorzustellen. Sie war während der zwei Reisetage immer hysterischer, erschreckter und niedergeschlagener geworden. Ihre fixe Idee war, nach Stanmore zurückzukehren. In Stanmore sei immer alles gut und sicher verlaufen. In Stanmore würden sie George wiederfinden.

Nur unter größten Schwierigkeiten gelang es ihnen, sie zum Ufer hinabzubringen, wo es meinem Bruder glückte, die Aufmerksamkeit einiger Leute auf einem Raddampfer, der aus der Themse fuhr, auf sich zu lenken. Der Dampfer schickte ein Boot, und bald wurde man handelseinig: sechsunddreißig Pfund für alle drei. Das Schiff ging, wie die Leute ihnen mitteilten, nach Ostende.

Es war etwa zwei Uhr geworden, als mein Bruder das Fahrgeld bezahlt hatte und sich mit seinen Schützlingen sicher an Bord des Dampfers befand. Im Schiff gab es Eßwaren genug, wenn auch zu ganz abenteuerlichen Preisen. Und so gelang es den drei Personen, auf den Vordersitzen eine Mahlzeit einzunehmen.

Es waren bereits etwa vierzig Personen an Bord, von denen einige ihren letzten Groschen weggegeben hatten, um sich die Passage zu sichern. Aber der Kapitän blieb beim Blackwater bis fünf Uhr nachmittags stehen und nahm unausgesetzt Passagiere auf, bis das Verdeck beängstigend voll war. Er hätte wohl noch länger gezögert, hätte man nicht um jene Stunde vom Süden her Geschützfeuer vernommen. Gleichsam zur Antwort feuerte das seewärts liegende Panzerschiff ein kleines Geschütz ab und hißte seine Flagge. Ein Rauchstrahl schoß aus seinem Schornstein.

Einige Reisende waren der Meinung, daß der Geschützlärm aus der Gegend von Shoeburyness komme, bis man bemerkte, daß er immer stärker wurde. Gleichzeitig tauchten südöstlich in weiter Ferne die Masten und das Takelwerk dreier Panzerschiffe, eines nach dem andern, aus dem Meere auf, unter Wolken schwarzen Qualmes. Aber die Aufmerksamkeit meines Bruders kehrte rasch wieder zu dem fernen Geschützfeuer im Süden zurück. Er glaubte eine Rauchsäule aus den fernen grauen Nebelschleiern aufsteigen zu sehen.

Der kleine Dampfer nahm aus der großen Halbmondlinie von Schiffen heraus schon klappernd seinen Weg ostwärts. Die flache Küste von Essex schien schon blau und neblig, als plötzlich, winzig und undeutlich in der großen Entfernung, ein Marsianer auftauchte, der die lehmige Küste entlang aus der Richtung von Foulness herankam. Bei diesem Anblick fluchte der Kapitän auf der Schiffsbrücke so laut er konnte vor Angst und Zorn über seine eigene Saumseligkeit, und die Räder schienen von seinem Schrecken angesteckt zu werden. An Bord des Schiffes stand jetzt jeder am Geländer oder auf den Stühlen und starrte nach jener fernen Erscheinung, die, jetzt schon höher als die Bäume und die Kirchtürme landeinwärts, immer näher kam und den menschlichen Gang gleichsam lässig parodierte.

Es war der erste Marsianer, den mein Bruder sah, und so stand er eher erstaunt als erschreckt da und beobachtete den Titan, wie er sich entschlossen den Fahrzeugen näherte, und wie die Küste zurückwich, ins Wasser watete. Jetzt tauchte jenseits des Dünenkamms in weiter Ferne ein zweiter Marsianer auf, der über die verkümmerten Bäume hinwegfuhr; und noch weiter zurück zeigte sich ein dritter, der tief durch eine glitzernde Sumpffläche watete, die halb zwischen Himmel und Erde zu hängen schien. Sie alle stapften auf das Meer zu, als ob sie die Flucht jener Menge von Fahrzeugen verhindern wollten, die in dichten Haufen zwischen Foulness und dem Vorgebirge Naze ankerten. Trotz der keuchenden Anstrengung des kleinen Raddampfers, trotz der Wolken von Schaum, die seine Räder zurückließen, entfernte sich das Schiff nur erschreckend langsam aus dem Bereich jener unheilvollen Ankömmlinge.

Im Nordwesten sah mein Bruder, wie der riesige Halbkreis von Schiffen sich schon unter dem nahenden Entsetzen zu winden begann. Jedes Schiff versuchte am andern vorbeizukommen, um sich hinter der Breitseite der größeren Schiffe zu verbergen, die Dampfer pfiffen unaufhörlich und stießen ungeheure Qualmmengen aus, Segel wurden gehißt, und Landungsboote schossen hin und her. Mein Bruder wurde von diesem Bild und von der heranschleichenden Gefahr so in Anspruch genommen, daß er für alles, was auf hoher See vorging, keine Augen hatte. So schleuderte ihn eine rasche Bewegung des Dampfers (er hatte plötzlich gewendet, um nicht in den Grund gefahren zu werden) kopfüber von dem Sessel, auf dem er stand. Rings um ihn herum hörte er Geschrei, das Trappeln von Füßen und freudige Rufe, die schwach erwidert zu werden schienen. Der Dampfer schoß vorwärts, und mein Bruder rollte über den Boden.

Er sprang auf seine Füße und sah nach Steuerbord. Nicht hundert Yards von ihrem stoßenden, schwankenden Boot entfernt, sah er eine riesige eiserne Masse, die wie eine ungeheure Pflugschar das Wasser teilte und nach beiden Seiten gewaltige Schaumwogen schleuderte, die auf den Dampfer stürzten, bis seine Räder hilflos in der Luft hingen, um gleich darauf das Verdeck fast bis auf die Wasserfläche zu drücken.

Eine Flut von Gischt blendete meinen Bruder einen Augenblick lang. Als er seine Augen wieder öffnete, sah er, daß das Ungetüm schon vorbei war und dem Lande zuraste. Mächtige Eisenwerke tauchten aus dem Riesenkörper auf; ein Doppelschornstein erhob sich und spie einen zweifachen Schwall feurigen Rauches in die Luft. Es war das Torpedo-Rammschiff "Thunder Child", das in rasender Schnelligkeit den bedrohten Schiffen zu Hilfe kam.

Kampf der Invasoren gegen die Thunderchild- the fight of the thunderchild

Indem er seine Füße in das Netzwerk des Geländers einhakte und sich so einen sicheren Halt verschaffte, blickte mein Bruder über den dahinschießenden Leviathan hinweg wieder nach den Marsianern. Er sah nun alle drei dicht beieinander; sie standen so weit draußen im Meer, daß ihre dreifüßigen Stützen fast ganz unter Wasser waren. So halb versenkt und in so großer Entfernung sahen sie weit weniger furchtbar aus als die riesenhafte Eisenmasse in deren Kielwasser der Dampfer hilflos hin und her schwankte Es schien als betrachteten die Marsleute diesen neuen Gegner in hellem Staunen. Es mag sein daß nach ihren Begriffen dieser Riese ein ihrer Gattung ähnliches Wesen war. Die "Thunder Child feuerte keinen Schuß ab, sie stieß nur in voller Wucht gegen sie vor. Vermutlich verdankte sie nur dem Umstand, daß sie nicht feuerte, die Möglichkeit, jenen so nahe zu kommen. Sie wußten nicht, was sie aus ihr machen sollten. Nur eine Bombe, und sie hätten sie mit dem Hitzestrahl sofort in den Grund gebohrt.

Das Schiff dampfte mit einer derartigen Schnelligkeit vorwärts, daß es in einer Minute den halben Weg zwischen dem Dampfboot und den Marsleuten zurückzulegen schien - eine sich immer mehr verringernde Masse, die sich schwarz von der zurücktretenden horizontalen Küstenlinie von Essex abhob.

Plötzlich senkte der vorderste Marsianer sein Rohr und feuerte eine Büchse schwarzen Gases auf das Panzerschiff ab. Sie traf es auf der Backbordseite und prallte in einem tintenartigen Strahl ab, der sich seewärts weiterwälzte als ein entfesselter Strom schwarzen Rauches, dem das Panzerschiff glücklich entrann. Den Zuschauern auf dem tief im Wasser fahrenden Dampfer, welche überdies die Sonne im Gesicht hatten, schien es, als sei das Schiff schon mitten unter den Marsleuten.

Sie sahen, wie die ungeschlachten Gestalten sich trennten, sich immer höher aus dem Wasser hoben und sich ans Ufer zurückzogen. Einer von ihnen erhob jetzt den Hitzestrahlgenerator. Er hielt ihn schräg abwärts gerichtet, und sofort fuhr eine Dampfwolke auf, als der Strahl das Wasser berührte. Er mußte durch das Eisen des Schiffskörpers gefahren sein, ähnlich wie weißglühendes Eisen durch Papier dringt.

Eine Flamme zuckte durch den aufsteigenden Dampf, und der Marsianer wankte und taumelte nach vorn. Im nächsten Augenblick war er niedergeschlagen, und eine große Menge Wasser und Dampf schoß hoch in die Luft auf. Die Geschütze der "Thunder Child" donnerten durch den Qualm, eines nach dem andern; ein Geschoß klatschte dicht neben dem Dampfer ins Wasser, prallte in der Richtung der andern fliehenden Schiffe nordwärts und zersplitterte eine Fischerbarke in Zündhölzchen.

Niemand aber schenkte dem besondere Beachtung. Beim Anblick des zusammenbrechenden Marsmannes stieß der Kapitän auf der Brücke unartikulierte, gellende Laute aus, und die zu einem Haufen beim Steuerrad zusammengedrängten Reisenden schrien wild durcheinander. Und noch einmal schrien sie auf. Denn drüben, jenseits des weißen Tumults, tauchte ein langer schwarzer Rumpf auf; Flammen strömten aus seinen Mittelteilen, und die Ventilatoren und Schornsteine spien Feuer.

Die "Thunder Child" lebte noch; das Steuer schien noch unversehrt, und ihre Maschinen arbeiteten. Sie schoß geradeaus auf einen zweiten Marsianer los und war noch hundert Yards von ihm entfernt, als der Hitzestrahl seine Wirkung tat. Mit einem heftigen Getöse und unter blendenden Blitzen flogen ihr Deck und ihre Rauchfänge in die Luft. Der Marsianer wankte bei der Heftigkeit des Zündschlages, und im nächsten Augenblick schoß das flammende Wrack mit der ganzen Wucht seines stürmischen Laufes vorwärts, warf den Marsianer nieder und zermalmte ihn wie ein Stückchen Papier. Mein Bruder schrie unwillkürlich auf. Kochende Dampfwolken hüllten alles wieder ein. "Zwei!" jubelte der Kapitän.

Kampf der Invasoren gegen die Thunderchild  - the fight of the thunderchild

Jedermann jubelte und schrie; der ganze Dampfer hallte von einem Ende bis zum andern von den wilden Freudenrufen wider, die zuerst vom nächsten und dann von allen den unzähligen Booten und Schiffen aufgenommen wurden, die das offene Meer zu gewinnen suchten.

Der Dampf hing viele Minuten hindurch über dem Wasser und hüllte den dritten Marsianer und die Küste vollständig ein. Und während dieser ganzen Zeit arbeitete sich das Dampfboot stetig auf die hohe See hinaus, fort von dem Schauplatz jener Schlacht. Und als sich endlich der Dampf verzogen hatte, da traten die treibenden Wolken des schwarzen Rauches dazwischen, und von der "Thunder Child" war nichts mehr zu sehen; auch der dritte Marsianer war verschwunden. Aber die Panzerschiffe, die seewärts lagen, waren jetzt ganz nahe und standen der Küste zugewandt hinter dem Dampfboot.

Das kleine Fahrzeug fuhr fort, sich seinen Weg seewärts zu erkämpfen; die Panzerschiffe traten langsam gegen die Küste zurück, die noch immer von der gefleckten Rauchwand, halb Dampf, halb schwarzem Gas, in den abenteuerlichsten Gestalten auf- und niederwallend, eingehüllt war. Die Flotte der Flüchtlinge zerstreute sich nach Nordosten; einige Fischerbarken segelten zwischen den Panzerschiffen und dem Dampfboot. Nach einiger Zeit, bevor sie den sinkenden Wolkenzug erreichten, wandten sich die Kriegsschiffe nach Norden, und mit einer unvermuteten Schwenkung verschwanden sie in südlicher Richtung in dem sich immer mehr verdichtenden Abendnebel. Die Küste verblaßte und verschwand endlich völlig in den langen Wolkenzügen, die sich um die sinkende Sonne lagerten.

Plötzlich scholl aus dem goldenen Nebelschleier des Sonnenuntergangs das Getöse von Geschützen; und schwarze Schatten tauchten auf und nieder. Alles stürzte wieder an das Geländer des Dampfers und spähte nach dem blendenden Feuerherd des Westens; aber es konnte nichts deutlich unterschieden werden. Ein Schwall dichten Rauches stieg schräg auf und verbarg das Antlitz der Sonne. Das Dampfboot keuchte seinen Weg weiter; und bange Erwartung lastete auf allen.

Die Sonne versank in graue Wolken; der Himmel zuckte auf und verfinsterte sich wieder, und oben zitterte der Abendstern. Es war schon dunkles Zwielicht, als der Kapitän aufschrie und nach aufwärts deutete. Mein Bruder strengte seine Augen an. Aus dem Grau fuhr etwas hoch auf in die Luft, zuckte in reißender Schnelligkeit schief hinüber zu dem glänzenden Licht über den Wolken des westlichen Himmels, ein flacher, breiter und sehr großer Körper; er raste in einer ungeheuren krummen Linie weiter, wurde kleiner, sank dann langsam und verschwand endlich in dem grauen Geheimnis der Nacht. Und während er so dahinflog, ergoß sich die Finsternis über das Land.


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© Übersetzung und HTML-Umsetzung:: Horst Deinert, Letzte Änderung: