Leatherhead liegt etwa zwölf Meilen von Maybury Hill entfernt. Ein Duft von frischem Heu war in der Luft, als wir zu den üppigen Wiesen jenseits von Pyrford kamen, und die Hecken auf beiden Seiten des Weges standen im fröhlichen Schmuck wilder Rosen. Das heftige Schießen, das begann, als wir den Maybury Hill hinabfuhren, hörte ebenso plötzlich auf, als es eingesetzt hatte. Der Abend war wieder friedlich und still. Wir kamen ohne jeden Unfall ungefähr um neun Uhr nach Leatherhead. Das Pferd rastete eine Stunde, während ich mit meinen Verwandten das Abendbrot einnahm und meine Frau ihrer Obhut empfahl.
Meine Frau war während der Fahrt auffallend schweigsam gewesen und offenbar bedrückten böse Vorahnungen sie auch jetzt. Ich versuchte sie in jeder Weise aufzuheitern, bewies ihr, daß die Marsleute durch ihr Schwergewicht an die Grube gebunden seien und daß sie höchstens ein wenig aus ihr herauskriechen könnten. Aber sie gab mir nur einsilbige Antworten. Hätte sie nicht das Versprechen, das ich dem Wirt gegeben hatte, abgehalten, so hätte sie mich wohl gedrungen, jene Nacht in Leatherhead zu verbringen. Wollte Gott, daß ich es getan hätte! Ich erinnere mich noch, wie weiß ihr Gesicht war, als wir Abschied nahmen.
Ich selbst war den ganzen Tag fieberhaft erregt gewesen. Etwas von dem Kriegsfieber, das gelegentlich jede zivilisierte Gemeinschaft erfaßt, war in mein Blut gefahren. Und in meinem Herzen war ich nicht sehr bekümmert, daß ich in dieser Nacht noch nach Maybury zurück mußte. Ich fürchtete sogar, daß jenes letzte Gewehrfeuer, das ich gehört hatte, die Vertilgung unserer Eindringlinge vom Mars bedeutet hatte. Genauer gesagt wollte ich bei ihrem Tod dabei sein.
Es war fast elf Uhr, als ich mich zur Rückfahrt anschickte. Die Nacht war unerwartet dunkel. Als ich aus dem erleuchteten Hausflur trat, schien sie mir geradezu schwarz; und es war heiß und schwül wie am Tag. Zu unsern Köpfen jagten die Wolken, obwohl kein Lufthauch das Buschwerk um uns bewegte. Der Diener zündete beide Wagenlampen an. Zum Glück kannte ich die Straße ganz genau. Meine Frau stand im Licht der Einfahrt und sah mir zu, bis ich mich auf den Wagen schwang. Dann wandte sie sich plötzlich um und ging hinein. Sie überließ es unsern Verwandten, mir eine glückliche Fahrt zu wünschen.
Zuerst war ich ein wenig gedrückter Stimmung, weil die ängstliche Stimmung meiner Frau mich angesteckt hatte. Schon bald aber kehrten meine Gedanken zu den Marsleuten zurück. Ich war damals noch völlig im unklaren, wie der Kampf am Abend verlaufen war. Ich kannte nicht einmal die Umstände, die den Zusammenstoß beschleunigt hatten. Als ich durch Ochham kam (denn zurück fuhr ich nicht wieder über Send und Woking), sah ich am westlichen Himmel einen blutroten Schein, der, als ich näherkam, langsam am Himmel hochstieg. Die treibenden Wolken eines drohenden Gewitters vermengten sich mit Schwaden schwarzen und roten Rauches.
Die Ripley Street war verlassen, und außer einigen beleuchteten Fenstern gab es im Dorf kein Lebenszeichen. Aber ich entging nur mit knapper Not einem Unfall an der Ecke der Straße, die nach Pyrford führt. Dort stand eine Gruppe von Leuten, die mir alle den Rücken kehrten. Sie riefen mir nichts zu, als ich an ihnen vorbeifuhr. Ich weiß nicht, wieviel sie von den Vorgängen jenseits des Hügels wußten. Ich weiß auch nicht, ob die schweigenden Häuser, an denen mein Weg vorbeiführte, in sorglosen Schlaf versunken oder verlassen und öde waren, oder verwüstet und der Schrecken harrend, die die Nacht noch bringen sollte.
Von Ripley bis Pyrford fuhr ich im Tale des Wey, und der rote Feuerschein blieb unsichtbar, bis ich den kleinen Hügel jenseits der Kirche von Pyrford hinauffuhr. Die Bäume um mich herum bebten unter den ersten Anzeichen des Sturmes, der sich über mir zusammenbraute. Dann hörte ich von der Pyrforder Kirche hinter mir Mitternacht schlagen, und dann kam die Silhouette des Maybury Hill heraus, mit seinen Baumwipfeln und seinen Dächern, die sich schwarz und scharf von der Röte abhoben. In diesem Augenblick erhellte ein fahler grüner Schein die Straße vor mir und beleuchtete den fernen Wald vor Addlestone. Ich spürte einen Ruck an den Zügeln. Ich sah, wie die jagenden Wolken wie von einer grünen Feuerlanze durchstochen wurden, die ihre wilden Formen erhellte und auf das Feld zu meiner Linken einschlug. Es war die dritte "Sternschnuppe"!
Unmittelbar nach ihrem Erscheinen zuckte, durch den Gegensatz blendend violett, der erste Blitz, und ein Donnerschlag folgte wie der Knall einer Rakete. Das Pferd verbiß sich in die Trense und ging durch.
Zum Fuße des Maybury Hill führte ein sanft ansteigender Weg, und hier rasten wir entlang. Jetzt, da das Gewitter losgebrochen war, schossen die Blitze von allen Seiten, wie ich es kaum jemals erlebt hatte. Die Donnerschläge, die mit seltsamen krachenden Nebengeräuschen dicht aufeinander folgten, ähnelten eher den Explosionen einer riesigen elektrischen Maschine als den gewöhnlichen widerhallenden Detonationen. Das flackernde Licht wirkte blendend und verwirrte mich, und ein dünner Hagel peitschte mein Gesicht, als ich den Hügel herunterraste.
Anfangs achtete ich nur auf die Straße vor mir; plötzlich aber wurde meine Aufmerksamkeit durch etwas erregt, das sich mit rasender Schnelligkeit auf dem gegenüberliegenden Abhang des Maybury Hill abwärts bewegte. Zuerst hielt ich es für das nasse Dach eines Hauses; aber ein Blitz, der einem anderen unmittelbar folgte, zeigte es mir in rascher, rollender Bewegung. Es war eine flüchtige Erscheinung - ein Augenblick verwirrender Dunkelheit, gefolgt von einem taghellen Blitz, dann traten die roten Mauern des Waisenhauses nahe dem Hügelkamm, die grünen Wipfel der Fichtenbäume und dieser zweifelhafte Gegenstand deutlich, scharf und glänzend heraus.
Und ich sah ihn wirklich! Wie soll ich ihn beschreiben? Ein ungeheurer Dreifuß, höher als viele Häuser, fuhr über die jungen Fichten und schmetterte sie in seinem Lauf beiseite; eine wandelnde Maschine aus glitzerndem Metall, die jetzt über die Heide fuhr; gegliederte Stricke aus Stahl hingen von ihr herab, und der rasselnde Lärm ihrer Fahrt vermischte sich mit dem Tosen des Donners. Ein Blitz, und sie kam deutlich zum Vorschein, wie sie mit zwei Füßen in der Luft über einen Weg setzte, um zu verschwinden und, so hatte es den Anschein, beim nächsten Blitz etwa hundert Yards näher wieder aufzutauchen. Man mag sich etwa einen schräg gestellten, heftig den Boden entlang geschleuderten Melkschemel vorstellen. Das war der Eindruck, den jene kurzen Blitze zu gewinnen erlaubten. Aber statt eines Melkschemels denke man sich den gewaltigen Körper einer Maschine auf einem dreifüßigen Gestell.
Da teilten sich plötzlich die Bäume des Fichtenghaines auf der Anhöhe vor mir, so wie sich brüchige Schilfrohre teilen, wenn ein Mann durch sie hindurchbricht. Sie brachen einfach ab, fielen der Länge nach hin, und ein zweiter ungeheurer Dreifuß tauchte auf, der, wie es mir schien, geradenwegs auf mich zuraste. Und ich fuhr ihm mit Eile entgegen! Aber beim Anblick des zweiten Ungetüms wurde ich kopflos. Ohne lange zu überlegen, riß ich das Pferd herum, und im nächsten Augenblick lag der Wagen über dem gestürzten Tier; die Deichsel zerbrach mit Krachen, ich wurde zur Seite geschleudert und fiel mit aller Wucht in eine seichte Wasserpfütze.
Ich kroch sofort hinaus und duckte mich, meine Füße noch immer im Wasser, hinter einem Ginsterbusch. Das Pferd lag regungslos da (das arme Tier hatte sich das Genick gebrochen), und bei den flammenden Blitzen sah ich die schwarze Masse des umgestürzten Wagens und die Umrisse des Rades, das sich noch langsam drehte. Im nächsten Augenblick kam die riesige Maschine an mir vorbei und wandte sich hügelaufwärts gegen Pyrford.
Von nahem sah der Gegenstand unglaublich merkwürdig aus, denn es war nicht eine bloße, sinnlose Maschine. Eine Maschine war es durchaus, mit metallisch klingendem Schritt und langen, biegsamen, glitzernden Fühlern (von denen einer eine junge Fichte erfaßte), die schwingend und rasselnd von dem seltsamen Körper herabhingen. Das Ding bahnte sich mit langen Schritten seinen Weg, und das eherne, kappenartige Gehäuse obenauf bewegte sich hin und her und erweckte den zwangsläufigen Eindruck, als sei es ein Kopf, der umherblickte. Hinter dem Hauptteil der Maschine befand sich ein ungeheurer Gegenstand aus weißem Metall, wie ein riesiger Fischkorb.
Massen grünen Rauches entwichen stoßweise aus den Gelenken seiner Glieder, als das Ungetüm an mir vorbeiraste. Und im Nu war es wieder fort. So viel sah ich damals, wenn auch undeutlich beim Flackern des Blitzes.
Als es an mir vorbeikam, erscholl aus ihm ein frohlockendes und betäubendes Heulen, das den Donner übertönte: "Mu-u, Alu-u!" In der nächsten Minute hatte es mit seinem Gefährten vereinigt und bückte sich, eine halbe Meile entfernt, über einen Gegenstand, der auf dem Feld lag. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, daß dieser Gegenstand der dritte jener zehn Zylinder war, die vom Mars auf uns abgefeuert worden waren.
Einige Minuten lang lag ich da und hielt trotz Regen und Dunkelheit beim Schein gelegentlicher Blitze Ausschau nach jenen riesenhaften metallenen Geschöpfen, die sich in der Ferne auf und ab bewegten. Ein dünner Hagelregen fiel herab, und wie die Blitze kamen und gingen, wurden die Gestalten eher nebelhaft oder strahlten in hellem Schein wieder auf. Hier und da trat eine längere Pause ein, und dann verschlang die Nacht alles.
Ich war oben vom Hagel und unten vom Wasser der Pfützen völlig durchnäßt. Erst nach einiger Zeit erlaubte meine lähmende Verblüffung es mir, mich in eine trockene Lage durchzukämpfen und überhaupt über die Gefahr, die mir drohte, nachzudenken.
Unweit von mir entfernt stand die kleine Holzhütte eines Waldbauers, die aus einem Zimmer bestand und von einem kleinen Kartoffelgarten umgeben war. Ich brachte mich endlich wieder auf die Füße, und lief auf die Hütte zu, mich duckend und jede Gelegenheit eines Verstecks benützend. Ich hämmerte an die Türe, fand aber bei den Leuten kein Gehör (falls Leute da waren). Nach einiger Zeit gab ich es auf und gelangte, von jenen riesigen Maschinen unbemerkt, in das Fichtengehölz von Maybury, wobei ich weite Strecken durch einen feuchten Graben kroch.
Unter dem Schutz der Bäume tastete ich mich, naß und durchfröstelt, zu meinem Hause durch. Ich versuchte, im Wald den Fußweg zu finden. Es war völlig finster, die Blitze wurden weniger, und der Hagel fiel in Säulen durch die Lücken des dichten Gebüsches.
Hätte ich die Bedeutung all dieser Erscheinungen, die ich gesehen hatte, klar erfaßt, dann hätte ich wohl unverzüglich den Weg über Byfleet nach Street Cobham eingeschlagen und wäre auf diese Weise zurückgekehrt, um meine Frau in Leatherhead wieder zu treffen. Aber in jener Nacht hinderten mich die seltsamen Erlebnisse und mein elendes körperliches Befinden daran; denn ich war zerschunden, ermattet, bis auf die Haut durchnäßt und durch den Sturm betäubt und geblendet.
Der einzige Gedanke, der mich erfüllte, war der unbestimmte Plan, zu mir nach Hause zu gelangen. Ich stolperte über die Baumstrünke, fiel in eine Pfütze, verletzte meine Knie an einer Planke und watete zuletzt auf dem Weg, der vom Gasthaus "Zum College-Wappen" hinunterführt. Ich sage watete, denn das stürmische Wasser schwemmte den Sand in schmutzigen Wildbächen den Hügel hinab. In dieser Dunkelheit taumelte plötzlich ein Mann gegen mich und stieß mich fast zu Boden.
Er stieß einen Schreckensschrei aus, sprang zur Seite und rannte wie besessen davon, bevor ich meine Gedanken so weit sammeln konnte, um mit ihm zu sprechen. Aber die Wut des Sturmes war gerade an dieser Stelle so heftig, daß ich nur mit dem Aufgebot meiner ganzen Kräfte den Weg hügelaufwärts vorankam. Ich ging dicht an dem Geländer zu meiner Linken entlang und tastete mich an den Planken weiter.
Nahe der Spitze des Hügels stolperte ich über etwas Weiches, und beim Zucken eines Blitzes sah ich zu meinen Füßen eine Masse schwarzen Tuches und ein Paar Stiefel. Bevor ich deutlich sehen konnte, in welchem Zustand der Mann dalag, war das Flackern des Lichtes wieder verschwunden. Ich blieb über ihn gebeugt stehen und wartete auf den nächsten Blitz. Als er kam, sah ich, daß es ein kräftiger Mann war, einfach, aber nicht schäbig gekleidet; sein Kopf war unter seinem Körper verborgen, und er lag zusammengekrümmt hart am Geländer, so als wäre er heftig gegen den Zaun geschleudert worden.
Ich überwand meinen Widerwillen, welcher bei einem Menschen, der noch nie zuvor einen toten Körper berührt hat, natürlich ist, bückte ich mich zu ihm nieder und drehte ihn um, um nach seinem Herzen zu tasten. Er war tot. Wahrscheinlich war sein Genick gebrochen. Ein dritter Blitz zuckte, und das Gesicht des Mannes leuchtete auf. Ich sprang auf meine Füße. Es war der Wirt des "Gefleckten Hundes", dessen Wagen ich gemietet hatte.
Ich stieg mit Vorsicht über ihn und eilte den Hügel weiter hinauf. Ich nahm meinen Weg an der Polizeiwache und dem "College-Wappen" vorbei zu meinem Haus. Auf der Hügelseite brannte nichts, aber auf der Weide sah man einen roten Schein, und ein wilder Qualm rotgelben Rauches kämpfte mit dem niederströmenden Hagel. Soweit ich es beim Licht der Blitze unterscheiden konnte, waren die meisten Häuser in meiner Umgebung unbeschädigt. Vor dem Gasthaus lag eine dunkle Masse auf der Straße.
Von der Straße, abwärts gegen die Maybury Bridge zu, hörte ich Stimmen und das Geräusch von Füßen. Aber ich hatte nicht den Mut, zu rufen oder hinzugehen. Ich öffnete die Tür mit meinem Hausschlüssel, trat ein, verschloß und verriegelte das Tor, stolperte bis zum Fuß der Treppe und setzte mich nieder. Meine Einbildungskraft war erfüllt von jenen sausenden metallischen Ungetümen und von dem toten Körper, der gegen das Geländer geschleudert worden war.
Ich verkroch mich am Fuß der Treppe, den Rücken an der Mauer, und zitterte heftig.